Kurtisanen, die besseren Tangotänzerinnen?

Das wären sie sicher gewesen, wenn es diesen leidenschaftlichen Tanz schon eher gegeben hätte. Aber so geht der Pokal wohl an all die leidenschaftlich-sinnlichen Frauen, die mutig genug sind, den Tanz zu wagen. Entstanden in den Armenvierteln Buenos Aires Ende des 19. Jahrhunderts ist der Tango keine einstudierte Abfolge klar definierter Bewegungen, nein, man muß sich einlassen auf ein sinnliches Spiel mit sich selbst, seinem Tanzpartner und der eigenen gelebten Erotik. Man kehrt sein heimliches Inneres nach Außen und zeigt es offen. Und es erfordert die innere Größe, sich seinem Tanzpartner hinzugeben. Nur für Unwissende entsteht der Gedanke, dass sich dadurch ein Ungleichgewicht der Kräfte ergibt. Bei diesem Tanz ist 1+1 nicht 2 sondern 3. Wenn die Tänzerin sich nicht auf ihren Tanzpartner einläßt, kann er nicht führen. Nicht, dass das bei anderen Tänzen anders wäre, nur beim Tango kommt  erschwerend die Komponente des Improvisierens hinzu. Und so endet dieser Tanz oft in unschönem Gezerre, was die Magie des Tangos innerhalb eines Augenblick entschweben lässt. Tango zu tanzen heißt ihn zu leben, sein Gegenüber zu spüren, ohne Berührungsängste, eher mehr von ihm zu wollen als zu wenig aber immer mit dem nötigen Respekt. Man offenbart sein Verlangen nach fremder Haut, nach wilder Leidenschaft so hemmungslos, dass sich verklemmte Zeitgenossen verschämt abwenden. Sie können der offenen Konfrontation mit der vor ihnen knisternden Erotik nicht standhalten und fühlen sich in der Rolle des Voyeurs sichtlich unwohl. Und schon George Bernhard Shaw erkannte treffend: „Der Tango ist der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens.“ Und so wären die Kurtisanen am Ende die besseren Tangotänzerinnen, weil sie Kunst des Andeutens, ohne dabei jedoch die unsichtbare Linie zwischen Andeutung und Ausführung zu überschreiten, perfekt beherrschten.

Und wer jetzt Lust bekommen hat, dieses getanzte Gefühl selbst auszuprobieren: so macht man es richtig:

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